Weg nach Ighil
In Ouarzazate haben wir unsere Restzeit in Marokko etwas geplant. Nachdem wir uns schweren Herzens zum Streichen von ein paar Orten entschieden haben, verblieben "nur" Essaouira und Chefchaouen. Die Anführungszeichen deshalb, weil ein halbwegs schöner Weg durch noch etwas Gebirge eine reine Fahrzeit von 24h oder 1500 km bedeutet.
Die Nationalstrasse N7 welche uns von Ouirgane über den Tizi n'Test nach Tafingoult bringen soll, wo wir dann weiter nach Essaouira fahren, haben wir auf zwei Tage aufgeteilt. Dazumal wussten wir noch nicht was uns erwartet und fuhren frischfröhlich drauflos.
Bereits kurz nach Ouirgane wurde die Strasse ungemütlicher, weil eher einspurig und der Zement mit vielen Schlaglöchern, Staub und Erde getarnt wurde. Ab da begannen auch Ausbauarbeiten, welche uns auf der ganzen N7 noch begleiten sollten. Wie kann man sich das vorstellen?
- Die Strasse sieht gut aus und man freut sich, geniesst die Natur und zieht am Gas
- Ab der Kurve wo man sich in Sicherheit wähnt, beginnen die Unebenheiten und kleine fiese Steinchen und Sand liegen schön ausgebreitet bereit
- Danach folgen Schlaglöcher und mindestens zwei LKW's wirbeln viel Staub auf, welchen man schlucken oder wegatmen kann (ignorieren ist nicht), bis man diese überholt hat
- Plötzlich sieht alles wieder toll aus und man beginnt es zu geniessen und das Spiel beginnt von vorne
- die Strasse wirklich mit abgebrochenem Geröll übersät und wieder freigeräumt wurde - Baumaschinen halten dann jeweils kurz inne, oder
- die Strassen etwas freigeräumt sind (mit etwas ist das Augenmass der Bauarbeiter gemeint, welche das Motorrad anschauen und winken), oder
- man darf einfach vorbeifahren, wobei man vorzugsweise sicherstellt, dass die Bagger- bzw. LKW-Fahrer einen gesehen haben, bevor man nebenbei vorbeifährt...
![]() |
| Das Lachen kam uns nicht abhanden, es gab immer lustige oder fröhliche Momente |
![]() |
| Putzen half über zwei Tage nicht viel, nach 30min sah es bereits wieder so aus, *grummel*... |
Erdbeben in der Region Al Haouz
Am Freitag, 8. September 2023 kurz vor 23 Uhr gab es hier ein Erdbeben mit Stärke 6.8 auf der Richterskala (irgendwas war mit der afrikanischen Platte nicht in Ordnung bzw. fragt Google wenn ihr es genauer wissen wollt).
Das waren wir uns nicht bewusst, aber es wurde uns schnell klar, als sich unser Weg der eindrücklichen N7 entlang, langsam höher wob. Ja die Bauweise mit Lehm/Strohgemisch ist nicht die stabilste - aber hier waren ganze Siedlungen ausgelöscht worden. Teils stehen heute noch Container oder Zelte wo die Leute drin wohnen. Das Epizentrum des Erdbebens war genau ein Dorf neben unserer Übernachtungsgelegenheit.
Somit war auch klar, wieso es den ganzen Weg über nur diese eine Möglichkeit zur Übernachtung (und dann auf dem Pass Tizi n'Test) gab - es fiel uns wie Schuppen von den Augen... Angekommen in Ighil, haben wir so gut es mit dem unendlich langsamen Internet ging nachgelesen, was für eine Gegend wir soeben durchfahren hatten.
![]() |
| Gewisse Sachen wurden bzw. werden wohl nicht repariert |
![]() |
| Das Wichtigste zur Seite geräumt, damit der Weg wieder frei wurde |
![]() |
| Container- und Zeltunterkünfte, dahinter ein renoviertes Haus |
Kurzer Exkurs
Die N7 war um 1930 herum durch die Franzosen gebaut worden. Weil später in der Ebene die Autobahn von Agadir zu Marrakesch entstand, war kaum mehr Gebrauch für die N7. Somit wurde sie mehr schlecht als recht unterhalten, was sich nach dem Erdbeben als katastrophal erwies. Die Helfer kamen nicht an die Bergdörfer heran und es hat teils mehrere Tage (!) gedauert, bis Hilfe eintraf. Nicht geholfen hat sicherlich auch, dass der marokkanische König nur die angebotene Hilfe von vier Ländern annahm (Spanien, Katar, Grossbritannien und den vereinigten arabischen Emiraten). Auf die Hilfe von über weiteren 60 Staaten (inkl. Deutschland, USA, Frankreich, Kanada) verzichtete er! Offizielle Ursache: zu komplizierte Koordination über die wenigen, kaputten Anfahrtswege (eben die N7) bzw. seien die Hilfeangebote nicht über die korrekten offiziellen Kanäle reingekommen.
Als Lichtblick ist da die Hochzeit eines Paares zu sehen, durch welches ein ganzes Dorf auf der Strasse am tanzen war. Keine einzige Person ist hier durch das Erdbeben umgekommen.
Hier findet sich noch eine Meinung zur N7 - leider auf Englisch, aber trotzdem einen Besuch wert 😉
Auf nach Essaouira
![]() |
| Was für eine Weitsicht! In Ighil (hinten links gerade nicht mehr im Bild) abgefahren und dann dem ganzen ersichtlichen Weg gefolgt und mit diesem Panorama belohnt |
![]() |
| Ein Teilausschnitt der Route auf dem Handy, da schlägt das Motorradfahrerherz höher 😍 |
Auf der anderen Seite des Passes ging es noch eindrücklicher weiter. Man sah kilometerweit den Strassenverlauf (bis in die Ebene hinunter) und die Geologie änderte sich wieder fortlaufend.
Für mich waren diese zwei Tage auf der N7 im Nachhinein noch eindrücklicher als die beiden Schluchten Todra/Dades und die Wege zwischen den Schluchten. Wieso? Ganz einfach, weil die Bilder so prägnant abrufbar sind! Ich kann viele Abschnitte der Strasse in den Erinnerungen noch problemlos nachfahren.
![]() |
| Diese Muster und Farben - kurz danach war alles kalkartig weiss |
![]() |
| Das Bild hat sich reingeschmuggelt - kam etwas später auf der Strecke aber passt zum Thema 😍 |
Essaouira
Nach den letzten zwei Tagen fühlte sich Essaouira zunächst nicht passend an. Das kann auch dem Nass geschuldet sein. Zum Glück holte uns Mehdi ab und zeigte uns wo wir die Motorräder lassen sollten (auf einem zahlpflichtigen Parkplatz vor der Wohnung). Mein Einwand, dass der Parkwächter dies vorher abgelehnt hatte (er könne nicht für die Sicherheit der Motorräder garantieren und meinte, wir müssen eine Garage weiter vorne aufsuchen) wurde ignoriert und so fuhren wir über die Erhöhungen direkt in eine Parklücke ohne den Weg am Parkwächter vorbei.
Kleine Randbemerkung:
Ganz generell haben wir das immer wieder erlebt und mussten die Motorräder für die Nacht sogar auf dem Lande in den Innenhof, eine Garage oder zumindest direkt vor die Eingangstüre fahren. Unsere Gastgeber wünschten das ausdrücklich und wir vermuten, dass sie um jeden Preis Ärger mit den Touristen vermeiden wollen (kann man ihnen ja auch nicht verüblen).
Nun hiess es Zimmer beziehen, frisch machen und dann von Mehdi die Medina zeigen lassen - das Angebot haben wir dankend angenommen, da wir nur eine Nacht eingeplant hatten und merkten, dass dies dem Ort wohl nicht gerecht wird.
Als wir wieder auf der Strasse waren, sahen wir wie der Parkwächter wütend versuchte, die Motorräder zu verschieben (Parksperre sei Dank liess er davon ab, nicht aber ohne noch aufs Motorrad zu schlagen). War wohl doch keine so tolle Idee, einfach auf den Parkplatz zu fahren. Und es hätte vermutlich der Situation auch nicht geholfen, wenn wir ihm gesagt hätten, dass das Auto sowieso nicht dort hätte parken können, da der Nachbar so schlecht/schräg eingeparkt hat?
Wir fragten daher Mehdi, ob er uns unterstützen könnte und konnten zusehen, wie so eine Diskussion vonstatten geht: zuerst wütend, dann auf seiner Idee von der Garage beharrend bis zur schlussendlichen Lösung, dass wir die Motorräder direkt vor sein Wachhäuschen fahren durften, damit er sie bewachen konnte! Der Spass kostete uns 40 MAD für beide Motorräder (ca. 4 CHF) und die Bewachung hörte bei Arbeitsende dann auch auf. Zumindest war am Morgen niemand zugegen, als wir die Motorräder packten und weiterfuhren 😂
Mehdi zeigte uns dann die Medina und wie Einheimische frischen Fisch essen (ich wollte das gerne ausprobieren, dafür ist Essaouira schliesslich bekannt). Da kauft man den Fisch selbst in der Altstadt (zwei komplette Fische kosteten uns 30 MAD / werden vor Ort direkt ausgenommen), dann bringt man den, in einem Plastiksack verpackten Fisch, in ein Restaurant und bestellt sich das Trinken und einen marokkanischen Salat dazu. Das Restaurant grillt dann den Fisch, würzt mit ein bisschen Salz und voilà hat man ein simples und leckeres Essen. Für die Getränke, Saläte und Fischzubereitung für 3 Personen bezahlten wir noch 60 MAD. Alles in allem also 8 CHF...
Das war ein spezielles Erlebnis, denn in so eine Art Restaurant wären wir sonst nicht gegangen (ist ja kein Menü angeschrieben und nun wissen wir auch wieso - die haben schlicht keins). Danke Mehdi für den gemütlichen Abend und das gute Gespräch 🤗
Über Rabat nach Chefchaouen
Stand also noch Chefchaouen auf unserer Liste - dazu entschieden wir uns, in der Hauptstadt einen Stopp zu machen.
In Rabat fühlten wir uns gleich wie in einer grösseren europäischen Stadt: es gab Trams, McDonald's (haben wir sonst nirgends angetroffen), es wurde überall gehupt und klar aggressiver gefahren. Der Lebensstandard war spürbar höher als sonst, wir wähnten uns mehrfach nicht mehr in dem Marokko, welches wir kennengelernt haben.

Hassan Turm - ist das unvollendet gebliebene Minarett der ebenfalls unvollendeten grossen Moschee in Rabat (nach dem Tod des Initiators wurde nicht mehr weitergebaut)
![]() |
| Die Medina ist immer durch eine grosse Mauer mit wenigen Eingängen geschützt - dieses Kulturerbe behalten sie gerne bei und restaurieren die Mauern besser als alles andere |
Nach Rabat gings weiter nach Chefchaouen (ausgesprochen "Chef schauen"- kein Witz). Wir haben den Chef übrigens nicht gefunden, trotz intensiver Suche (Witz). Neben Chefchaouen gibt es auch noch Painchaouen, was... Okay, höre ja schon auf 🤭
Diese Stadt im Rif-Gebirge (Gebirgskette welche zum Atlas gehört) liegt leicht erhöht und ist bekannt als "blaue Perle". Vieles ist dort blau angestrichen und ganz sicher wieso dies so ist, ist unklar. Gegen den bösen Blick? Weil es Insekten besser fernhalten soll? Die Wohnungen erwärmen sich weniger? Oder vielleicht auch, weil es Touristen anzieht? Was sicher ist: die Stadt war sehr lange eine heilige Stadt und das Betreten den Ausländern unter Todesstrafe verboten. Die Architektur ist sehr gut erhalten dadurch und es herrscht aus unserer Sicht ein angenehmer Mix aus Touristen und Authentizität vor. Wahrlich ein kleines Juwel, dessen Besuch sich lohnt!
Politischer Einschub:
Verkehr
Jetzt wo wir wieder in Spanien angekommen sind, dürfen wir es ja erwähnen. Die marokkanischen Strassen gelten als die gefährlicheren der Welt (nach diversen anderen afrikanischen Ländern) mit einer ~14x höheren Unfallrate als auf französischen Strassen (hier) bzw. bis zu 25x mehr Vekrehrstote auf 100'000 Fahrzeuge im Vergleich zur Schweiz (hier).
Unsere Erfahrung deckt sich glücklicherweise nicht mit der Statistik - aber wir sind auch nie (okay, fast nie) in der Nacht gefahren, was eventuell ein anderes Bild gegeben hätte... Wir fühlten uns jederzeit sicher auf den Strassen in Marokko (vorausgesetzt man rechnet die Spuruntreue der Marokkaner ein). In unserer Zeit hier, haben wir maximal einen Unfall gesehen (sind uns da nicht ganz einig, ob es überhaupt einer war). Da haben wir sonst beim Bereisen (insbesondere europäischer Länder) sicherlich immer mehrere Unfälle pro Land gesehen!
Es lohnt sich aber, mit guten Pneus und einem funktionierenden Motorrad hierherzukommen - die Werkstätten wirkten nicht soo überzeugend und Bremsbeläge für meine Triumph konnten wir nicht auftreiben (hätten wir aber bestellen können). Ich bin nun geübt, mit Hinterrad- und Motorenbremse alleine zu fahren 😏
Gedanken von Valérie zum Verkehr
- vom "Bonjour je m'apelle Adih et toi" und Schubs auf dem Motorrad sitzenden, über
- Helm-Tütschete bei Bodenwellen (es trug lediglich Emanuel einen Helm...), über
- noch beim Abbremsen fast schon aufs Motorrad gekrabbelnden, über
- beim Absteigen den Kollegen zujubelnden auf einer grossen Maschine mitgefahren zu sein, über
- vom Auf- bis zum Absteigen Parlierer (sehr angenehm, wenn Emanuel schreien muss und ich dabei fast taub werde, Headset sei Dank...), über
- den total entspannten jungen Marokkaner mit verkehrt sitzender Kappe (sonst fliegt diese ja davon), Hände in die Jackentasche und entspannent mitwippenden
- bis zum jungen Herrn mit Rucksack und Plastiktasche, welcher sich auf den Hintersitz quetschen musste
Unsortierte Bilder
![]() |
| Mobile Kaffeestationen gibt es immer wieder und der Kaffee daraus ist erstaunlich gut. Dies wird meistens mit einer tollen Aussicht belohnt - vorbeizufahren wäre eine Sünde |
![]() |
| Das Bild gibt immer mehr, je genauer man es anschaut |
![]() |
| Stauwehr Moulay Abdellah |
![]() |
| Macht Sinn, aber hätten wir auch ohne Schild so gehandhabt |
![]() |
| Hier gingen alle mit Pferd und Wägelchen zum Markt - das sah ungewohnt und erfrischend aus |
![]() |
| Da hat sich jemand gefunden - Liebe auf den ersten Blick! |
![]() |
| Irgendwie hatte خدير المجدوبي (Khadir) einen Narren an uns gefressen - wir konnten uns aber nur mit Händen und Mimik verständigen und wissen daher auch nicht viel von ihm |
![]() |
| 😍 |
Unser Fazit zu Marokko
- Die Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Marokkaner durften wir erleben und geniessen. Ganz generell spürt man, dass Touristen willkommen sind, meist aus reinem Interesse und zur Abwechslung, aber natürlich auch als Geldbringer
- Das Essen ist spannend, aber wir haben uns mehr erhofft. Die Tajines wiederholen sich schnell mal und die Leckereien aus der Backstube sind auch eher schlicht - oder wir einfach ein bisschen wählerisch geworden im Alter 😊
- Der marokkanische Tee ist genial (und süss) und hat immer gepasst. Der Schaum ist ein Qualitätsmerkmal und dient ursprünglich dazu, in der Wüste den Sand abzufangen, sodass man den nicht mittrinkt. Die originale Zubereitung kann gut über 30min dauern und ist eine Zeremonie in sich alleine!
- Als Frau wird man nicht dumm angemacht, aber oft auch komplett ignoriert (Emanuel wird mit Handschlag begrüsst und es wird mit ihm gesprochen, während Valérie daneben scheinbar nicht existiert). Dies fällt besonders auf, wenn es jüngere Generationen noch so handhaben, wobei man den Zeitwandel aber überall wahrnimmt und die Leute offener werden. Generell haben wir Frauen alleine in einem Kaffee so nicht angetroffen - höchstens als ganze Familie
- Wie bereits erwähnt hat uns der Spagat und schnelle Wechsel von sehr arm zu reich zu schaffen gemacht
- Landschaftlich hat das Land sehr viel zu bieten mit Küstenstädten, Bergregionen und der Sahara. Jeder Teil ist für sich selbst ein Schmuckstück und wir sind wirklich schwer beeindruckt davon!
- Die Verzierungen und Farbenfrohheit der Marokkaner sind einfach schön. Gerne immer mehr davon bzw. weiter so!
- Das Land birgt tolle Möglichkeiten zur Ausstattung eines Haushaltes mit qualtitativ hochwertigen Lederartikeln, wunderschön verziertem Geschirr, fantastischen Lampen, schönen Teppichen, you name it...
- Nicht toll sind die Abfallsituation (Plastik-/abfall findet sich in der Wüste, auf den Bergen, im Wasser auf dem Land, eigentlich überall und immer wieder wird man mit den Gerüchen davon "beschenkt") und die Tierhaltung. Wenn ich es in unserem Kulturschockführer richtig gelesen habe, dann werden aber jetzt die Frauen für das Thema des Abfalls sensibilisiert (weil sie zuhause das Sagen haben und so das Wissen weitergeben können). Das wird aber wohl noch dauern, bis sich hier spürbare Resultate zeigen













































1 Kommentar:
danke für die tollen Bilder, den Chef muss ich wirklich auch mal wieder schauen gehen ;-) - bin gespannt auf mehr - grüässli ronny
Kommentar veröffentlichen